Chronik

HIstorisches Foto der Blakspapelle Helfendorf
HIstorisches Foto der Blakspapelle Helfendorf aus dem Jahre 1966

 

Wie ist es zur Helfendorfer Blaskapelle gekommen? Ausgerechnet diese am häufigsten gestellte Frage ist sehr schwer bzw. nur sehr umständlich zu beantworten, weil die Geburt dieser Musikkapelle nicht offiziell wie eine Vereins- oder Geschäftsgründung war; sie war eher unbeabsichtigt.

Es begann im April 1960 damit, daß vier Mitglieder des Helfendorfer Kirchenchores nach einer Singstunde vereinbarten, „es mal mit der Zusammenstellung eines Bläserquartetts zu probieren, weil man damit vielleicht mehr erreichen und der Hausmusik förderlicher sein könnte“. Der 27 Jahre alte Initiator und spätere „Musimoasta“ verstand schon einiges von Musik, spielte seit einigen Jahren Geige und Trompete in einer Tanzkapelle und versuchte sich auch noch – wenn es die Freizeit erlaubte – an anderen Instrumenten. Die anderen drei zwischen 21 und 22 Jahren Kameraden hatten Schulkenntnisse in Harmonielehre und Noten, einen gesunden Optimismus und jugendliche Begeisterungsfähigkeit.

Zwei Trompeten standen zur Verfügung, eine Posaune konnte ausgeliehen werden und der Vierte im Bunde erstand ein gebrauchtes Es-Althorn. Dazu besorgten sie sich die volkstümliche Schule für Blaskapellen und eine Trompeten- bzw. Posaunenschule – und schon konnte es losgehen!

Die Ausbildung übernahm der Initiator und einzige Instrumentenkundige. Über Tonleiterübungen, die das Erlernen der Noten, bzw. der richtigen Ventilstellung beinhalteten, wate man sich allmählich an Choräle, Kanons und Liedchen heran, die in der Schule für Blaskapellen enthalten sind. Geübt wurde in Kellern, soweit die Wohnlage den Verbleib in einem besser geeigneten Zimmer nicht erlaubte, und zusammengespielt in Wohnzimmer des Quartettmeisters.

Es ging gut voran, weil fleißig geübt wurde. Der Fleiß wurde durch das Dorfgerede zum „Bläserfimmel“ noch zusätzlich angespornt. Vielleicht erinnerten sich jetzt manche Leute an die zwei früheren Versuche von Helfendorfern, eine Blaskapelle ins Leben zu rufen, welche aber beide gescheitert waren. Aber was konnte den vieren schon passieren? Sie wollten ja gar keine Blaskapelle gründen – und zum Zeitvertreib wird man wohl blasen dürfen!

Doch es kam alles ganz anders, als sich die Vier das vorgestellt hatten:

Bereits im Juli sprachen drei potentielle Bewerber vor. Mit einer Ausnahme notenkundig, aber alle drei herrlich jung (zwischen 16 und 20 Jahren) und ohne belastende Kenntnisse von den Tücken eines Musikinstruments. Die Entscheidung war schwer – wollte man doch keine Blechmusik oder Blaskapelle. Außerdem wohin mit den vielen Bläsern? Woher die Instrumente? … Fragen über Fragen.

Das Kapellenproblem war schnell gelöst: ein Doppelquartett! Konkurrenz, Auslese! Damit war auch das gesteckte Zeil zu erreichen und den Unkenrufen zu trotzen. Die Lokalitäten konnte man zu Not beibehalten, und so mußte doch auch die Instrumentenfrage zu lösen sein. Ein Cornet wurde leihweise beschafft, eine Es-Trompete preisgünstig erstanden. Aber einer mußte in den sauren Apfel beißen und das auf alle Fälle notwendige Tenorhorn kaufen – mindestens 200 DM. Doch der Reiz überwog; das Instrument wurde gekauft.

Jedoch: die Probleme mehrten sich! Hier eine technische Schwierigkeit, da ein kleine Zahlung, und wie sollen die Noten beschafft werden? Eine Kasse darf nirgends fehlen! Der Kassier wurde im August in sein Amt eingeführt. Der monatliche Beitrag betrug zuerst eine Mark; nach einem guten Jahr mußte er verdoppelt werden. Heute existiert zwar noch die Kasse, aber eine monatliche Zahlung ist schon seit langem abgeschafft.

Im Oktober stieg noch ein 23-jähriger Neugieriger in das Unternehmen ein. Er brachte keine Notenkenntnisse und keine Instrumentenkunde, aber ein nagelneues Tenorhorn mit. Das Doppelquartett war fertig!

Der ursprüngliche Quartettplan mußte nun, nachdem sich immer mehr Freiwillige meldeten, endgültig aufgegeben werden. Stattdessen wurde nun der Ausbau zu einer „richtigen Blechmusi“ ins Auge gefaßt. Dies umso mehr, also zum Inventar des Kirchenchores ein Bombardon gehörte, das man zwar nicht mehr fest putzen durchte, weil es einem sonst in den Fingern zerlief, das aber für ein Dankeschön zu haben war. Allerdings erlebten die Bläser mit diesem Instrument die größten Enttäuschungen, denn der erste Interessent kam über das Putzen und Einblasen nicht hinaus und sein Nachfolger wurde, als er zu einer großen Stütze der Kapelle geworden war, mit 19 Jahren zur Bundeswehr eingezogen.

Es fing nun alles wirklich gut an: Der erste Auftritt war bei einer Nikolausfeier am 4. Dezember 1960 in einer Gaststätte. Ein verstärktes Quartett! Keine Gage, aber eine spendierte Brotzeit und viel Lob. Dann folgte Turmmusik vom Glockenstuhl des Kirchturms nach der Christmette und am Ostermontag 1961 nach dem Hochamt. Ohne Auftrag – Überraschung – anerkennende Worte! Dazwischen hotten die Trompeter neue Instrumente gekauft und dafür je 300 DM aus eigenen Ersparnissen investiert. Darauf folgte die musikalische Umrahmung der Fornleichnamsprozessionen am 1. Und 4. Juni 1961, die so gut an kam, daß weitere Verstärkung ins Haus stand.

Gerade wurden also die ersten Gehversuche und auch Erfolge verbucht, da mußte es passieren: Der Bombardonist mußte weg zur Berufsausbildung. Er versprach, mit dem Schlagzeug wiederzukommen – und er hat auch Wort gehalten. In der Zwischenzeit wurde ein Ortsansässiger für den Bombardon gefunden: er fing ganz vorne an, kaufte aber ganz unerschrocken einen neuen Baß, so groß war sein Vertrauen in den Bestand der Kapelle.

Inzwischen war das Probelokal ein Schulsaal geworden; die wöchentliche gemeinsame Probe hatte sich eingespielt. Daneben bekam natürlich jeder den Auftrag, zu Hause täglich eine Viertelstunde zu opfern und nach Möglichkeit in Kleineren Gruppen mehrmals in der Woche zusammen zu spielen.

Geraume Zeit wurde jetzt nur fest geübt. Die Nachzügler mußten eingebaut werden. Außer bei kleineren kirchlichen Anlässen hören die Helfendorfer 1961 und 1962 nichts von ihrer Blasmusik. Es scheint nicht weiterzugehen. Doch hinter den Kulissen tut sich einiges. „Der Lehrer“ aus der Grundschule in Kleinhelfendorf wird gewonnen! Er übernimmt den Bariton. Er ist musikalisch sehr gebildet, wird später über Jahrzehnte Organist und Chorleiter in Helfendorf. Auch wird er in schwierigen Zeiten immer wieder die Position des „Musimoaters“ übernehmen und so die Blaskapelle Helfendorf durch einige harte Zeiten retten.

Es war am 16. September 1962 beim Trachtenjahrtag in Helfendorf – freilich mit Lampenfieber – an dem die Wandlung des Quartetts zur richtigen „Blechmusi“ dem interessierten Publikum bei Marschmusik von Klein- nach Großhelfendorf vorgestellt wurde. Die Aufregung war so groß, daß der erste Marsch zum „Gschwindmarsch“ und hinter Musik marschierenden Trachtler gnadenlos abgehängt wurden. Trotzdem war das Lob groß, so daß der Ehrgeiz weiter wuchs und jeder bei der Stange blieb. Von jetzt ab firmierten die Musikanten unter „Helfendorfer Blaskapelle“, die in der Gemeinde bei vielerlei Anlässen von den Ortsvereinen und auch Privatpersonen gebucht wurde. Endgültig vorbei mit der Helfendorfer „Blechmusi“ war es aber 1964, als zwei Klarinettisten mit von der Partie waren und die melodiösen Blechinstrumente mit einfallsreichen Verzierungen bereicherten.

Schnell genoß die Blaskapelle Helfendorf weit über die Gemeindegrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf. Schließlich pflegen die Musikanten aus Helfendorf auch die Beziehungen zu anderen umliegenden Blaskapellen. Und so half man sich bei personellen Engpässen gegenseitig aus. Und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.

Im August 1990 legte nach 30 Jahren der Initiator und spätere „Musimoasta“ sein Amt als Dirigent endgültig nieder. Als ich im September 1990 in die Blaskapelle eintrat, waren von den Musikanten aus den 1960-Jahren noch drei aktiv, ein Musikantennachwuchs war leider nicht da und wir hatten in den folgenden Jahren eine große musikalische Krise. Jedoch wieder einmal war es der genannte „Lehrer“, der das Ruder übernahm und uns vor dem Ertrinken rettete. Wir fingen ähnlich an wie unsere Gründer 1960 und verfügten bereits 1994 wieder über einen beachtlichen Musikantenstamm, so daß wir sogar 1997 ein Konzert veranstalten konnten.

Ende 2005 übernahm ich dann den Posten des „Musimoastas“. Eine Aufgabe zwischen Kindergärtner, Psychiater und Musikant, die mir trotz allem immer Spaß macht, besonders dann „wenn’s de Leit gefoilt und guad klingt“.

Mit musikalischen Grüßen, Euer

Michael Oswald, Dirigent